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Poetische Klänge beeindruckten in der Chopin-Gesellschaft
Das erste Konzert dieses Jahres, welches die Chopin-Gesellschaft veranstaltete, fand im Hause der Solvay GmbH statt. Weil der im Programm angekündigte Francesco Piemontesi erkrankt war, spielte der 25jährige Pianist Aimo Pagin. Sein Studium absolvierte Pagin in Straßburg, Genf und in den USA bei dem bedeutenden Pianisten und Pädagogen Leon Fleisher.
Als Auftakt wählte Pagin die Variationen über ein Thema von Chopin des Katalanen Frederic Mompou. Zart, beinahe zögernd erklang das Thema des siebten Prèlude von Chopin, über welches der Komponist eine filigrane improvisatorisch anmutende Variation perlen lässt. Das Fantasieren nimmt seinen Lauf in dieser kleinen „Homàge à Chopin“ und wie zufällig erklingt als Andeutung der Mittelteil seines Fantasie-Impromptus. Pagin gestaltete voller Lyrik und sehr poetisch. Diese Grundstimmung verließ ihn auch bei den folgenden Werken nicht.
Der gesamte Gestus der Persönlichkeit schien überaus introvertiet und zaghaft, was sich auf den schönen Klang, auf die Ästhetik der Spielkunst hinreißend ausnimmt, doch auch die Gefahr des zu sehr „in sich hineinspielens“ birgt. Das Publikum ließ sich dennoch erobern. Mit großer Aufmerksamkeit ließ es sich mitnehmen auf Franz Liszts erste Italienreise, auf welcher Liszt, angeregt durch Kunstwerke Dantes und Petracas, drei Hefte „Annèes des Pélerinage“ verfasste. Pagin zauberte auch bei dem von ihm aus dem zweiten Heft gewählten Petraca-Sonett Nr. 104 einen Klangteppich mit überaus geschmeidiger Fabulierfreude.
Nach der Pause konnte sich der Künstler seiner großen Stärke, dem lyrischen Ausgestalten der Werke, ganz und gar hingeben. Mit Schuberts großer B-Dur Sonate wurde Pagin seinem Naturell gerecht. Er kostete jedes Thema, ja das kleinste Motiv episch aus. Selbst im dritten Satz, dem Scherzo überließ er sich nie dem ausschweifenden Impetus, sondern spielte kontrolliert und formvollendet, zwar Allegro vivace, also heiter und lebhaft, doch „con delicatezza“, wie Schubert es vorgibt. Der begeisterte Applaus konnte Pagin nicht zu einer Zugabe verlocken. Vielleicht sollte der meditative und sehr intime Charakter des Abends erhalten bleiben.
Okka Mallek
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