CHOPIN-GESELLSCHAFT HANNOVER e.V.

Klavierabend mit Geige Nord/LB Hannover 12. April 2008

2008

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Unvereinbar harmonisch

Andrej Bielow und Ilya Rashkovskiy in der Nord/LB
Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 14. April 2008
Von André Mumot

Es ist wohl der Idealfall. Das Tempo, die Spannung, der Rhythmus sind am Ende so intensiv, dass man es kaum aushält, auf dem Stuhl sitzen zu bleiben. „Perpetuum mobile“ nennt sich der letzte Satz von Ravels ziemlich einzigartiger Violinsonate, und so setzt sich diese Musik in mitreißender Motorik immer weiter fort und zieht das Publikum mit sich. Dass anschließend drei Zugaben folgen, wundert nach diesem glücklich stimmenden Furioso niemanden. Was schon eher erstaunt, ist die Tatsache, dass Ravel sein Werk damals, also 1927 (und nicht 1897, wie das Programmheft behauptet), komponiert hatte, um die Unvereinbarkeit von Violine und Klavier zu verdeutlichen.

Das ist schön modern gedacht und auch sehr kühn. Aber an diesem Abend beweisen der 24-jährige Ilya Rashkovskiy (Piano) und der 27-jährige Andrej Bielow (Geige), dass sich so eine Unvereinbarkeit in wunderbarster klanglicher Harmonie entfalten kann. Beide sind bereits, hoch verdient, mehrmals ausgezeichnet worden – und gerade Bielow ist, nicht nur als erster Geiger des Szymanowski-Quartetts, in Hannover und auch weit darüber hinaus kein Unbekannter mehr.

Es ist ein Konzert der Chopin-Gesellschaft, das im postmodernen Glaspalast der Nord/LB aufgeführt wird. Und Rashkovskiys Soli mit einem Chopin-Walzer und einem Chopin-Nocturne sind in diesem Zusammenhang natürlich mehr als willkommen, demonstrieren seinen klug differenzierten Sinn für die schwärmerische Traurigkeit dieser Musik. Sonst aber ist es für beide ein französischer Abend, der mit César Francks melodieverliebter A-Dur-Sonate hinreißend beginnt, bei Ernest Chaussons schwerblütig vernebeltem „Poem“ Leidenschaften weckt und schließlich in der ironischen Rasanz Ravels einmündet. Bei alldem entlockt Bielow seiner Stradivari schmackhafteste Zwischentöne und Akzente, lyrische Cantilenen und virtuos aufjauchzende Triller. Es ist der Idealfall und die Utopie des Perpetuum mobile: Es dürfte nie zu Ende gehen.

© Chopin-Gesellschaft Hannover e.V.