8 | Klavierabend

Charles Richard-Hamelin - Christuskirche 

Stimmungsvolles Adventskonzert in der Christuskirche

Frédéric Chopin war kein Komponist sakraler Musik. Seine romantischen Werke, beinahe ausschließlich für das Pianoforte komponiert, sind vorwiegend für den Salon und den Konzertsaal bestimmt. Widmungsträger vieler seiner Klavierstücke waren Herrschaften des französischen Adels. Nun war ein Klavierabend mit Werken von Chopin in der restaurierten Christuskirche am Klagesmarkt zu hören und da stellt sich zunächst einmal die Frage: geht das überhaupt? Ja, es geht – und der Erfolg war verblüffend. 

Die hallige Akustik, besonders für große Chöre und Orgelklänge bestens geeignet, wurde durch einen unter den Flügel gelegten Teppich etwas gemildert, dadurch wurde der Altarraum des imposanten neugotischen Backsteingebäudes zu einer gemütlich wirkenden Nische, wozu auch auf Tischen dekoriertes Weihnachtsgebäck, die am Adventskranz leuchtende Kerze und der Sternenhimmel des Deckengewölbes beitrugen. Einen schöneren Platz hätte die Chopin-Gesellschaft Hannover sich kaum aussuchen können für ihr taditionelles Adventskonzert, das von dem jungen kanadischen Pianisten Charles Richard-Hamelin gestaltet wurde. 

Richard-Hamelin hatte sich vollkommen auf die Musik von Chopin eingelassen, das hörte man nicht nur, das spürte man förmlich. 2015 erschien seine erste Solo-CD mit Spätwerken von Chopin und nun widmete er sich bei seinem Besuch in Hannover dem 1810 in Zelazowa Wola geborenen großen Klavierkomponisten. Zum Einstimmen gab es zarte Nachtklänge, das Nocturne H-Dur Opus 62. Sensibel und feinfühlig ging der Künstler an dieses verträumte, ornamentenreiche Kleinod. 

Mit der Ballade Nr. 3 As-Dur hatte er sich dann richtig warm gespielt. Der erzählerische Charakter dieser sich durchweg im 6/8 Takt wiegenden  Ballade war bedeutungsvoll herauskristallisiert. Lebhafter ging es mit der Polonaise-Fantasie Op. 61 und der Introduktion und dem Rondo Es-Dur im ersten Konzertteil weiter. 

Eine brillante Technik, kultivierte Klanggestaltung und viel Gespür für Phrasierungen zeichnen diesen Künstler aus. Empfindsam und etwas wehmütig gerieten die drei Mazurken Op. 59 mit ihren schlichten Kantilenen und dem so typischen polnischen Tanzrhytmus. Insgesamt wählte Richard-Hamelin moderate Tempi und setzte auf akkurates Spiel ohne größere Freiheiten. Mit der dritten Klaviersonate h-Moll hatte er sich noch einmal viel vorgenommen. Sie zählt zu den bedeutendsten Werken Chopins und erfordert ein hohes Maß an pianistischem Können. Der Künstler verstand sein „Handwerk“, setzte aber auch bei dem heiteren  Scherzo des 2. Satzes und dem schwungvollen Presto des Finalsatzes nicht auf vordergründige Virtuosität, sondern bevorzugte Klarheit und unprätentiöses Klavierspiel. Alle vier Sätze bildeten ein großes Ganzes, trotz des Beifalls nach dem ersten Satz, der wohl einer spontanen Begeisterung entsprang.

Mit zwei Zugaben, einer Mazurka und der Polonaise As-Dur Op. 53, die durch ihre über 35 Takte währende Oktavpassage der linken Hand immer große Bewunderung hervorruft, endete der Abend. Stehende Ovationen und jubelnder Applaus bestätigten nicht nur die künstlerische Darbietung, sondern auch die Bedeutung und Lebendigkeit der großen romantischen Klaviermusik. Ein glanzvoller Adventsabend.

Okka Mallek
Hannover, 3. 12. 2016

Charles Richard-Hamelin 

der kanadische Pianist stammt aus Lanaudière in Québec.Er studierte bei Paul Surdulescu, Sara Laimon und Boris Berman und erwarb im Jahr 2011 einen Bachelor-Abschluss an der McGill University und 2013 einen Master-Abschluss von der Yale School of Music. In beiden Institutionen erhielt er übrigens Vollstipendien. Er ist jetzt ein Schüler von André Laplante am Conservatoire de Musique de Montréal und arbeitet regelmäßig mit Jean Saulnier. 

Charles Richard-Hamelin war Silbermedaillengewinner und Laureat der Krystian Zimerman Auszeichnung der besten Sonate beim Internationalen Chopin-Wettbewerb von 2015. 

Als einer der wichtigsten Pianisten seiner Generation gewann er auch den zweiten Preis beim Internationalen Musikwettbewerb in Montreal und den dritten Preis und den Sonderpreis für die beste Interpretation einer Beethoven-Sonate bei der Seoul International Music Competition in Südkorea. Im April 2015 wurde er mit dem renommierten Career Development Award des Women’s Musical Club of Toronto ausgezeichnet.

Als Solist ist Charles mit verschiedenen Ensembles aufgetreten, unter anderen mit dem Warsaw Philharmonic Orchestra, dem Montreal Symphony Orchestra, dem Toronto Symphony Orchestra, dem Poznan Philharmonic Orchestra, dem Amadeus Kammerorchester des Polnischen Rundfunks, dem Orchestre Métropolitain de Montréal, dem Korean Symphony Orchestra und der I Musici de Montréal. Seine erste Solo-CD mit Spätwerken von Chopin wurde im September 2015 veröffentlicht.

Programm

Frédéric ChopinNocturne Nr. 17 H-Dur op. 62-1 (1846)
 Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47 (1841/42)
 Polonaise-Fantaisie As-Dur op. 61 (1845/46)
 Introduktion und Rondo in Es-Dur op. 16 (1832)
 Drei Mazurken op. 59 (1845)
 Klaviersonate Nr. 3 in h-Moll op. 58 (1844)