8 | Klavier­abend

Varvara Nepomnyashchaya, Klavier - Hannover Rück SE.

Varva­ra — die Magie des Klavier­klan­ges

Wenn ein ange­kün­dig­ter Klavier­abend wegen Erkran­kung des Pianis­ten nicht statt­fin­den kann, ist der Veran­stal­ter gefor­dert, Ersatz zu finden. Der Präsi­den­tin der Chopin-Gesell­schaft Hanno­ver ist es gelun­gen, für ein geplan­tes Konzert mit Adam Lalo­um die groß­ar­ti­ge Pianis­tin Varva­ra Nepom­nyash­cha­ya quasi „aus dem Hut“ zu zaubern. So kamen zahl­rei­che Lieb­ha­ber feins­ter Klavier­mu­sik in den Genuss, diese außer­ge­wöhn­li­che Künst­le­rin, sie war bereits mehr­mals bei der Chopin-Gesell­schaft zu Gast, zu erle­ben. 

Was die 1983 in Moskau gebo­re­ne Musi­ke­rin auszeich­net, ist ein beson­de­rer, gera­de­zu magi­scher Klavier­klang. Als Meis­te­rin der feinen Zwischen­tö­ne formt sie einzel­ne Töne zu einem Musik­ge­bäu­de und entlockt dem Instru­ment mit raffi­nier­ter Tech­nik die zauber­haf­tes­ten Klän­ge. Die Ausbil­dung an der berühm­ten Moskau­er Gnes­sin-Spezi­al­schu­le für Musik und am Tschai­kow­sky-Konser­va­to­ri­um, sowie Fein­schliff bei namhaf­ten Meis­tern, ihr Talent und ihre authen­ti­sche Persön­lich­keit machen einen Klavier­abend mit Varva­ra so beson­ders. 

Etwa 120 Sona­ten für Tasten­in­stru­men­te hat der spani­sche Kompo­nist Anto­nio Soler geschrie­ben. Der große Einfalls­reich­tum dieser oft einsät­zi­gen Werke, in denen mit Verzie­run­gen nicht gespart wurde, sind virtu­os ange­legt und klavier­tech­nisch höchst anspruchs­voll. Varva­ra wähl­te vier dieser ausnahms­los schö­nen Sona­ten, setz­te aber nicht auf vorder­grün­di­ge Virtuo­si­tät, sondern ließ mit feins­tem Pianis­si­moklang und Präzi­si­on aufhor­chen. Tril­ler­kas­ka­den, Läufe, Sprün­ge und eine extrem ausge­reiz­te Dyna­mik wurden mit körper­li­chem Einsatz, frap­pie­ren­der Finger­fer­tig­keit und musi­ka­li­schem Geschmack stil­si­cher gestal­tet. 

Mozart ist meis­tens eine heik­le Ange­le­gen­heit. Verschie­de­ne Lesar­ten führen zu unter­schied­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen. Das Alle­gro molto des ersten Satzes der Sona­te c-Moll KV 457 ist in der Erst­aus­ga­be ledig­lich mit Alle­gro über­schrie­ben. Varva­ra entschied sich für ein zügi­ges Tempo dieses Satzes und für einen gestraff­ten, schnör­kel­lo­sen und puren Mozart­stil. Eine gute Entschei­dung und ein schö­ner Kontrast zum gesang­li­chen Adagio des Mittel­sat­zes. Varva­ra Nepom­nyash­cha­ya gewann 2012 den  Mozart­preis und den ersten Preis des Zürcher Gèza-Anda-Wett­be­werbs. Ihr Mozart­spiel ist so klar und kompro­miss­los, dass diese Auszeich­nung unbe­dingt nach­voll­zieh­bar ist.

Eine Gemäl­de­aus­stel­lung hörend zu erkun­den ist eine wunder­ba­re Erfah­rung, wenn es sich um die „Bilder einer Ausstel­lung“ von Modest Mussorks­ky handelt. Zehn Bilder im Geden­ken seines verstor­be­nen Freun­des, des Malers und Archi­tek­ten Victor Hart­mann, setz­te Mussorks­ky in Töne um. Jedes einzel­ne Bild ein Tonge­mäl­de mit ganz eige­nem Charak­ter. Varva­ra führ­te mit Vita­li­tät und dennoch großer Ruhe durch die Ausstel­lung, nahm sich Zeit zum hören­den Betrach­ten. Sie ließ die unaus­ge­schlüpf­ten Küken Ballett tanzen, den Gnom sein zyni­sches Unwe­sen trei­ben, die Hexe Baba-Jaga durch die russi­sche Nacht reiten und im großen Fina­le das Helden­tor von Kiew bombas­tisch erstrah­len.

Eine bemer­kens­wer­te Künst­le­rin, die mit viel Applaus bedacht wurde und sich mit einer Canzo­ne des russi­schen Kompo­nis­ten Niko­lai Medt­ner verab­schie­de­te.

Okka Mallek
Hanno­ver, 25.11.2017

Programm

Anto­nio Soler (1729–1783)4 Sona­ten
W. A. Mozart (1756–1791)Klavier­so­na­te Nr. 14 c-Moll KV 457
  
Mussorg­ski (1839–1881)Klavier­zy­klus „Bilder einer Ausstel­lung“
 1. Der Gnom
2. Das alte Schloss
3. Die Tuile­ri­en (Spie­len­de Kinder im Streit)
4. Der Ochsen­kar­ren
5. Die Hütte auf Hühner­fü­ßen (Baba-Jaga)
6. Ballett der unaus­ge­schlüpf­ten Küken
7. Samu­el“ Golden­ber­gund „Schmu­yle“
8. Limo­ges. Der Markt­platz
9. Die Kata­kom­ben (Römi­sche Gruft)
10. Das Helden­tor in Kiew

Die Solis­tin

Varva­ra Nepom­nyash­cha­ya wurde 1983 in Moskau gebo­ren und zunächst elf Jahre lang an der Gnes­sin-Spezi­al­schu­le für Musik bei Lidi­ja Grigo­rie­va ausge­bil­det, ehe sie die Klavier­klas­se von Mikhail Voskre­sen­sky am Moskau­er Tschai­kow­sky-Konser­va­to­ri­um absol­vier­te. 2011 holte sie sich den letz­ten Schliff bei Evge­ni Koro­liov an der Hambur­ger Hoch­schu­le für Musik und Thea­ter, wo sie seit eini­gen Mona­ten selbst als Lehr­be­auf­trag­te unter­rich­tet.

Als Preis­trä­ge­rin ging Varva­ra seit 2006 aus dem Bach- Wett­be­werb in Leip­zig, aus dem Nago­ya Inter­na­tio­nal Music Compe­ti­ti­on, aus dem Bremer Klavier­wett­be­werb und der Konkur­renz des Prager Früh­lings hervor. Im Juni 2012 gewann sie dann den Ersten Preis und den Mozart-Preis beim renom­mier­ten Zürcher Concours Géza Anda; ausser­dem erhielt sie für ihre Inter­pre­ta­ti­on von Beet­ho­vens Drit­tem Klavier­kon­zert, das sie im Zusam­men­spiel mit dem Tonhal­le-Orches­ter Zürich unter David Zinman deute­te, auch den Géza Anda-Publi­kums­preis. Die Jury, der u.a. Jona­than Nott, Michel Béroff, Markus Hinter­häu­ser, Oleg Mais­en­berg, Alexei Volo­din und Gérard Wyss ange­hör­ten, begrün­de­te die Entschei­dung folgen­der­mas­sen: “Die Pianis­tin ist zwei­fel­los eine Ausnah­me­erschei­nung durch ihren unbe­ding­ten Willen zur Gestal­tung und der Erkun­dung von Gren­zen; dafür ist sie bereit, mit ihrer bril­lan­ten, wenn­gleich unkon­ven­tio­nel­len pianis­ti­schen Tech­nik alles zu wagen. Ihr Rezi­tal mit Werken Chopins, Mozarts und Schu­manns stei­ger­te sich zu einem Rausch extre­mer emotio­na­ler Zustän­de, der gleich­wohl durch eine wache und über­le­ge­ne musi­ka­li­sche Intel­li­genz gebän­digt schien.“

Varva­ra konzer­tier­te bereits in mehre­ren Ländern Euro­pas; nach ihrem Erfolg beim Concours Géza Anda wurde sie– neben zahl­rei­chen Solo­auf­trit­ten — u.a. für Konzer­te mit dem Orches­tra della Svizze­ra Italia­na, dem Musik­kol­le­gi­um Winter­thur, dem Radio- Sinfo­nie­or­ches­ter Stutt­gart, dem Geor­gi­schen Kammer­or­ches­ter Ingold­stadt, der Mähri­schen Phil­har­mo­nie, dem Jungen Sinfo­nie­or­ches­ter Hanno­ver, der Neuen Phil­har­mo­nie West­fa­len und dem Wiener Kammer­or­ches­ter einge­la­den.