6 | Klavier­abend mit Leonardo Pierdomenico

Leonardo Pierdomenico, Klavier

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Virtuos und leidenschaftlich – der italienische Pianist Leonardo Pierdomenico zu Gast bei der Chopin-Gesellschaft

Leonardo Pierdomenico hatte sich viel vorgenommen für den Klavierabend, den er auf Einladung der Chopin-Gesellschaft Hannover in der modernen Eingangshalle der DZ-Bank gab. Virtuose Werke von Franz Liszt und Frédéric Chopin standen auf dem Programm. Vom ersten Ton an machte der junge Künstler klar, dass es ihm nicht ausschließlich um bravouröses Klavierspiel ging, sondern dass er musikalische Inhalte transportieren möchte. Das gelang ihm bestens. Klangschönheit und inniger Ausdruck schienen höchstes Gebot. Mit Herz und Verstand bewältigte er selbst die  anspruchsvollsten Passagen. Dabei kam ihm seine profunde und ausgereifte Technik zu Gute.

Im ersten Konzertteil waren ausschließlich Werke von Franz Liszt zu hören. Fundiert und leidenschaftlich ging er eine Auswahl der transkribierten Lieder aus Schuberts Winterreise an. Mit Wehmut und inniger Leidenschaft vertiefte er sich in die Melancholie eines fremden Wanderers in Schuberts Eingangslied des Lieder-Zyklus. Sehr ergreifend folgte das bekannte Lied „am Brunnen vor dem Tore“. Unwillkürlich musste man doch an den denken, der das alles durchlebt und durchlitten hat, eben an Schubert selbst. Liszt hat diese Paraphrasen mit viel Respekt für den großen Komponisten-Kollegen verfasst.

Dass Liszt vier Mephisto-Walzer geschrieben hat, ist kaum bekannt, da vorzugsweise der erste Walzer in Konzerten erklingt. Pierdomenico hat sich für die Nr. 4 entschieden. Ein technisch recht vertracktes Werk mit vielen Doppeloktaven und diabolischem Charakter. Hier zeigte der Künstler, dass er mit seiner offensichtlichen Vorliebe für Liszt eine gute Wahl getroffen hat, wie auch die glanzvolle Interpretation der folgenden Ballade, Nr. 2 in h-Moll, bewies. Auch dieses Werk ist nicht oft in Konzerten zu hören, steht es doch immer etwas im Schatten der h-Moll-Sonate, die Liszt im gleichen Jahr komponierte. Die enorme Stimmungsvielfalt der Ballade wurde wie ein kostbares Mosaik aufgefächert. Vom chromatisch aufwühlenden Anfangsmotiv bis zur grandiosen Steigerung des Schlussteils wechselten lyrische Seitenthemen und stürmische Passagen. Das staunende Publikum goutierte diese glanzvolle Leistung mit donnerndem Applaus und Bravorufen.

Das Glas Wein und Gespräche in der Pause boten Gelegenheit, den Klängen noch einmal nachzuspüren, bevor der Künstler zur nächsten großen pianistischen Herausforderung schritt – den vier Balladen von Frédéric Chopin.

Chopin gilt allgemein als Schöpfer der musikalischen Ballade. Die Diskussion darüber, ob es eine literarische Vorlage gibt, ist ausreichend erschöpft und wird sicher mit einem klaren Nein beantwortet werden können. Die Balladen sprechen für sich, trotz aller Verehrung Chopins für seinen großen Landsmann, den polnischen Dichter Adam Mickiewicz.

Leonardo Pierdomenico hat sich mit tiefem Ernst diesen, in ihrer Ausdruckskraft kaum zu übertreffenden, Werken gewidmet. Die ruhigen Einleitungstakte der g-Moll Ballade deklamierte er so ergreifend und verheißungsvoll, dass eine Spannung aufgebaut wurde, die bis zum fulminanten Schluss der f-Moll Ballade anhielt. Alle vier Balladen zyklisch aufzuführen, ist eine sehr gute Idee, da sich dem Hörer die Vielfalt, die in diesen Werken steckt, viel deutlicher erschließt. Die durchweg ruhigen Anfangsmotive, die lyrischen Übergänge zur fast in Raserei ausartenden Passagen sind eine  Herausforderung, die wirklichen Könnern vorbehalten ist. Pierdomenico gehört zu den Meistern seiner Zunft, das hat er an diesem Abend in Hannover bewiesen.

Zum Dank für verdienten Applaus gab es noch einmal Liszt. Mit der Konzert-Etüde „Mazeppa“ trumpfte er nochmals herrlich auf und in „Nebensonnen“, auch ein Lied aus dem anfangs gespielten Zyklus, verabschiedete sich ein sehr sympathischer junger Künstler.

Okka Mallek
Hannover, 17.09.2022


Der Künstler

Leonardo Pierdomenico

Der 28-jährige italienische Pianist Leonardo Pierdomenico, Gewinner des Jury Discretionary Award „Raymond E. Buck“ beim Internationalen Wettbewerb „Van Cliburn“ 2017, ist auch erster Preisträger beim „Premio Venezia“- Klavierwettbewerb 2011 in „La Fenice“ und Semifinalist beim Internationalen Klavierwettbewerb „Queen Elisabeth“. Seine halbfinale Aufführung von Chopins Ballade in g-Moll wurde in die CD-Box des Besten-Wettbewerbs „Queen Elisabeth“ 2016 aufgenommen.

Er hat mit vielen namhaften Orchestern gespielt, die mit so angesehenen Dirigenten wie Nicholas McGegan, Paul Meyer, Yves Abel, James P. Liu und Diego Matheuz zusammenarbeiteten.

2015 wurde Leonardo als einer von sechs Pianisten ausgewählt, um sich um den „Arturo Benedetti Michelangeli“-Preis zu bewerben und an der exklusiven Meisterklasse von M° Daejin Kim an der renommierten Eppan Piano Academy teilzunehmen. Er wurde auch zum Fellow des renommierten Music Academy Of The West Festival 2016 in Santa Barbara, Kalifornien. Solo-Recitals führten ihn zu bedeutenden Veranstaltungsorten weltweit.

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Programm

Franz LisztSchubert: Winterreise op. S. 561 (Auszüge)
Mephisto-Walzer Nr. 4 op. S. 696
Ballade Nr. 2 h-Moll op. S. 171 (mit dem originalen Ende)
Frédéric ChopinBallade Nr. 1 g-Moll op. 23
Ballade Nr. 2 F-Dur op. 38
Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47
Ballade Nr. 4 f-Moll op. 52