27. Janu­ar 2014 — HAZ

Das leich­te Leben 

Pianist William Youn in der Chopin-Gesell­schaft

Von Jutta Rinas


Was für eine schlich­te und dennoch berüh­ren­de Melo­die! Und was für eine simp­le, zwischen­zeit­lich nur alle zwei Takte über­haupt vorkom­men­de Beglei­tung! Im Grun­de schrei­tet Wolf­gang Amade­us Mozart zu Beginn seiner Klavier­so­na­te in B‑Dur KV 570 nur den Tonraum einer B‑Dur-Tonlei­ter ab. In der Melo­die zunächst mit gebro­che­nen Drei­klän­gen, dann, nicht minder simpel, mit einer gleich­för­mi­gen Achtel­be­we­gung. Einfach, fast schon banal sieht das in den Noten aus. Aber wie viel Zauber kann sich doch entfal­ten, wenn ein Pianist die Natür­lich­keit, den so selbst­ver­ständ­li­chen Fluss dieser Musik zum Klin­gen bringt.

So wie der 31-jähri­ge Korea­ner William Youn — früher Kämmer­ling-Schü­ler in Hanno­ver und heute Konzert­pia­nist — bei seinem Auftritt bei Solvay zum Auftakt der Saison 2014 der Chopin-Gesell­schaft. Alles macht der trotz seines Alters so jungen­haft wirken­de Mann rich­tig: Das Tempo balan­ciert er wunder­bar aus, die Achtel­no­ten­ket­ten lässt er mit ganz wenig Pedal und wunder­schön gleich­mä­ßi­gem Anschlag wie aus sich selbst heraus wirken.

Mozarts Musik ist unter seinen Fingern viel mehr als ein künst­le­risch zusam­men­ge­stell­tes Arran­ge­ment aus lauter Tönen. Sie erzählt etwas von der Leich­tig­keit, die das Leben manch­mal bereit­hält, wenn die Zeit einfach so vergeht: wenn wir zum Beispiel an einem kalten, klaren Winter­mor­gen spazie­ren­ge­hen und uns dabei trei­ben lassen, durch Felder und Wiesen, an einem Wasser­lauf vorbei, stun­den­lang. William Youn trifft an diesem außer­or­dent­li­chen Abend aber nicht nur den Ton von Mozarts später Sona­te genau. Das Andan­te canta­bi­le der elf Jahre früher kompo­nier­ten, sehr viel abgrün­di­ge­ren a‑Moll-Sona­te KV 310 entwi­ckelt er fast aus dem Nichts heraus und verleiht ihm eine so anrüh­ren­de Ernst­haf­tig­keit und Inti­mi­tät in den Ecksät­zen und eine so zurück­ge­nom­me­ne und dennoch spür­ba­re, inne­re Drama­tik im Mittel­teil, dass viele Zuhö­rer mit geschlos­se­nen Augen lauschen. In Schu­berts drei Klavier­stü­cken D 946 arbei­tet er dessen tänze­ri­sche Heiter­keit genau­so heraus wie seinen oft so inni­gen, volks­lied­haf­ten Ton. 

Mit einem Chopin-Nocturne, das so dunkel, rätsel­haft und schwe­bend daher­kommt wie ein realer Traum und einer ergrei­fen­den f‑Moll-Balla­de, zieht er sein Publi­kum am Ende noch einmal in seinen Bann. Die einzi­ge Schwä­che dieses Pianis­ten mag es sein, dass er die Stücke so fein und durch­hör­bar gestal­tet, dass man jedes noch so klei­ne Nach­las­sen in der Konzen­tra­ti­on deut­li­cher hört, als es bei den meis­ten ober­fläch­li­cher und unkon­tu­rier­ter spie­len­den Pianis­ten der Fall wäre. 

Zwei Zuga­ben gibt er, eine Liszt-Tran­skrip­ti­on eines Schu­mann­lie­des und Chopins berühm­ten cis-Moll-Walzer op. 64, Nr. 2. William Youn über­zeugt auch mit ihnen deut­lich mehr als viele ande­re Pianis­ten, die man in Hanno­vers Konzert­sä­len sonst so hört.