5. Dezem­ber 2016 — HAZ

Zukunfts­mu­sik 


Wie ein klei­ner Verein große Konzer­te veran­stal­tet: Charles Richard-Hame­lin bei der Chopin-Gesell­schaft Hanno­ver

VON STEFAN ARNDT 


Diese Musik klingt wie gemalt. Zum stol­zen Rhyth­mus des Themas von Chopins „Intro­duk­ti­on und Rondo” in Es-Dur etwa könn­te man sich einen Offi­zier des 19. Jahr­hun­derts vorstel­len, der in blit­zen­der Uniform aufrecht auf dem Pferd sitzt. Ein pracht­vol­les, farb­in­ten­si­ves Histo­ri­en­ge­mäl­de. 

Der junge kana­di­sche Pianist Charles Richard-Hame­lin aller­dings, der das Stück jetzt beim Konzert der Chopin-Gesell­schaft in der bis auf den letz­ten Platz gefüll­ten Chris­tus­kir­che spiel­te, gibt sich mit einem einfa­chen Bild nicht zufrie­den. Bei ihm hört man eine ganze Roman­sze­ne: den Liebes­kum­mer, der den tapfe­ren Blick des Solda­ten umflort, und den Lärm der Schlacht, in die er gleich ziehen muss. 

Richard-Hame­lin ist ein Meis­ter darin, unter der elegan­ten Ober­flä­che von Chopins Musik tiefen­schar­fe Panora­men zu entfal­ten. Selbst in Minia­tu­ren wie den „Drei Marz­ur­ken” op. 59 entdeckt er viel mehr als nur einen einzi­gen Ausdruck. Auf kleins­tem Raum über­la­gern sich bei ihm verschie­de­ne Stim­mun­gen, bis auch das kürzes­te Stück zum faszi­nie­ren­den Psycho­gramm wird. 

Debüt in Hanno­ver 

Mit seinem Spiel hat der 1989 gebo­re­ne Pianist bereits eini­ge Aner­ken­nung auf inter­na­tio­na­lem Parkett gewon­nen: Er war Preis­trä­ger bei Wett­be­wer­ben an seinem Studi­en­ort Mont­re­al und in Seoul, beim renom­mier­ten Chopin-Wett­be­werb von Warschau lande­te er im vergan­ge­nen Jahr sogar auf dem zwei­ten Platz. Das bedeu­tet aber noch lange nicht, dass dem viel­ver­spre­chen­den Künst­ler auch die Konzert­sä­le der Welt offen­stün­den. Zwar knüp­fen sich an Wett­be­werbs­er­fol­ge oft erste Kontak­te — aber es dauert, bis sich die tatsäch­li­che Quali­tät bei den Konzert­ver­an­stal­tern und ‑agen­ten herum­spricht.

Umso erstaun­li­cher ist es, wie reak­ti­ons­schnell und treff­si­cher die Programm­pla­ner der Chopin-Gesell­schaft Hanno­ver sind. Noch bevor sich für die Künst­ler das Auftritts­ka­rus­sell rich­tig zu drehen beginnt, sind sie oft schon in Hanno­ver zu hören. Richard-Hame­lin, der beim Gast­spiel in der für Klavier­aben­de akus­tisch bestens geeig­ne­ten Chris­tus­kir­che erst­mals in Deutsch­land zu hören war, ist da kein Einzel­fall. Sophie Paci­ni, Andrew Tyson und viele ande­re waren nach ihrem Auftritt bei dem klei­nen Konzert­ver­ein bald bei größe­ren Veran­stal­tern zu erle­ben — in Hanno­ver beispiels­wei­se in den Pro-Musi­ca-Reihen. 

Richard-Hame­lins Auftritt verspricht jeden­falls mehr, als sich an den Wett­be­werbs­er­fol­gen seiner Biogra­fie able­sen lässt. Er hat schon jetzt neben erheb­li­chen tech­ni­schen Möglich­kei­ten, einem großen Ausdrucks­ver­mö­gen und viel Klang­fan­ta­sie jenen eige­nen Tonfall, der ihn aus der Masse der viel-verspre­chen­den Nach­wuchspia­nis­ten heraus­hebt. 

Bei der Chopin-Gesell­schaft hat man für solche Fein­hei­ten offen­sicht­lich beson­ders feine Ohren. Richard-Hame­lin, so war am Rande des Konzer­tes zu erfah­ren, wurde gera­de von einer deut­schen Konzert­agen­tur unter Vertrag genom­men. Man wird also auch ihn wieder­hö­ren. Und kann sich schon darauf freu­en.