Pres­se­stim­men

Schnel­ler als das Auge

Ein Konzert mit den Gewin­nern des Wett­be­werbs der Chopin-Gesell­schaft Hanno­ver (HAZ vom 29. April 2019).


Ein einzel­ner Schweiß­trop­fen funkelt an Emanu­el Rochs Nasen­spit­ze, als er das Ende der berühm­ten, von Ferruc­cio Buso­ni für Klavier bear­bei­te­ten Chaconne in d-Moll von Johann Sebas­ti­an Bach erreicht. Der Trop­fen allein bezeugt, wie viel Kraft das anspruchs­vol­le, meis­ter­haft gespiel­te Programm den jungen deut­schen Pianis­ten wohl gekos­tet hat.

Denn der 21-jähri­ge Roch strahlt während des gesam­ten Vortrags eine große inne­re Ruhe aus. In seinem Spiel liegt eine solche Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass es fast scheint, als bedie­ne sich die Musik seiner Hände und nicht umge­kehrt. Bei den Préludes aus Frede­ric Chopins op. 28 schöpft er mit seinem weichen Anschlag die pastel­le­ne Palet­te dieser viel­ge­stal­ti­gen Musik gekonnt aus. Franz Liszts Etüde „Mazeppa” über den Todes­ritt eines untreu­en Pagen spielt er so rasend schnell und virtu­os, dass das Auge seinen Fingern nicht mehr folgen kann.

Es steht wohl außer Frage: Vom ersten Preis­trä­ger und Publi­kums­ge­win­ner des dies­jäh­ri­gen Inter­na­tio­na­len Klavier­wett­be­werbs der Chopin-Gesell­schaft Hanno­ver wird die Musik­welt noch so eini­ges hören.

Entschei­dung per Stich­wahl

Weil sie diesel­be Punkt­zahl erlangt hatten, so erzählt die Präsi­den­tin der Chopin-Gesell­schaft, Sookie Scho­ber, konn­te die Wett­be­werbs­ju­ry nur durch eine Stich­wahl zwischen Emanu­el Roch und seinem Konkur­ren­ten Luka­sz Byrdy den Sieger küren. Der 24-jähri­ge Pole muss­te sich letzt­lich mit dem zwei­ten Platz zufrie­den­ge­ben.

Wie meis­ter­haft auch er das Instru­ment beherrscht, stellt er im ersten Teil des Preis­trä­ger­kon­zerts im VHV-Gebäu­de unter Beweis. Ihm liegen die dyna­mi­schen Gegen­sät­ze, die etwa die G-Dur-Sona­te op. 31 von Ludwig van Beet­ho­ven fordert. Er koket­tiert regel­recht mit den Wech­seln vom Pianis­si­mo zum Forte, von Dur nach Moll. Wunder­bar laut­ma­le­risch gestal­tet Byrdy auch die Préludes von Clau­de Debus­sy, bei denen er jede Sekund­rei­bung auskos­tet und am Ende das musi­ka­li­sche Feuer­werk des „Feux d‘artifice” über die gesam­te Tasta­tur erup­tie­ren lässt.

Der Inter­na­tio­na­le Klavier­wett­be­werb der Chopin-Gesell­schaft Hanno­ver findet alle zwei Jahre statt. Die drei Preis­trä­ger erhal­ten zwei Jahre lang ein monat­li­ches Stipen­di­um.

Von Julia­ne Moghi­mi