6 | Klaviermatinée

Emre Yavuz, Klavier - Schloss Bückeburg

Vitaler Auftritt von Emre Yavuz

Der Weg ins idyllische Schaumburger Land hat sich am vergangenen spätsommerlichen Septembersonntag gelohnt! Die Chopin-Gesellschaft Hannover hatte zu einem Konzert eingeladen. Was der türkische Vollblutmusiker Emre Yavuz an Vitalität und Energie bei seinem Auftritt im Bückeburger Schloss mitbrachte, war sehr bemerkenswert. Allein das Programm dieses außergewöhnlichen Pianisten ließ aufhorchen. Die Chaconne d-Moll von Johann Sebastian Bach, in der virtuosen Transkription von Ferruccio Busoni, hervorragend dargeboten, sowie zwei der ganz großen Klaviersonaten von Chopin und Rachmaninoff, beide in b-Moll, standen auf dem Programm.

Frederic Chopin schrieb seine b-Moll Sonate Op. 35 im Jahre 1837. Sie wurde von ihrem ersten Rezensenten, keinem geringeren als Robert Schumann, für den Reichtum an Fantasie und Kühnheit gelobt, jedoch verursachte das wirre Presto des Finalsatzes wohl eher eine gewisse bewundernde Ratlosigkeit. In er Tat ist das Finale ein rauschhafter Klangteppich, der den Zuhörer fragend zurücklässt. Was aber in dem Trauermarsch des dritten Satzes an Tiefe und Klangvielfalt auf den Hörer einwirkt, ist überbordend an harmonischen Wendungen, dynamischen Schattierungen und romantischer Klangpracht. Emre Yavuz hat besonders den Kontrastreichtum und die Farbigkeit dieser großen Sonate gekonnt ausgereizt und sich in den Affekt des Werkes gesetzt. Sein pianistischer Zugriff, gepaart mit nuanciertem Feinschliff, prädisponieren diesen Ausnahmekünstler geradezu für große Taten, wie sie in den dargebotenen Klavierwerken gefordert werden.

Auch in der Sonate Nr. 2, Op. 36 von Sergei Rachmaninoff erwies sich der Künstler als ausdrucksstarker Gestalter. Rachmaninoff komponierte diese monumentale dreisätzige Sonate im Jahre 1913 und brachte sie in Moskau selbst zur Uraufführung. Sie gilt als eines der Schlüsselwerke in seinem Klavierschaffen. Poetisch und zugleich virtuos leuchtete Emre Yavuz zupackend und klangschön jede musikalische Phrase aus. Seine differenzierte Anschlagstechnik verleiht seinem Spiel Brillanz und Plastizität. Stehende Ovationen und Bravorufe forderten eine Zugabe. Mit dem zweiten Satz aus der Klaviersonatine von Maurice Ravel bedankte sich der Künstler.

Eine Einladung des Gastgebers, Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe, zum Mittagessen schloss sich an, und so kamen die Zuhörer noch einmal ins Gespräch und in den Genuss, das prachtvolle Schloss besichtigen zu dürfen.

Es sind diese besonderen und immer wieder beeindruckenden Veranstaltungsorte, die die Chopin-Gesellschaft Hannover so wirkungsvoll auszeichnet.

Okka Mallek
Hannover, 15.09.2019


Der Solist

Emre Yavuz gehört zu den herausragenden Pianisten seiner Generation. 1990 in Izmir geboren, studierte er bereits als Achtjähriger am Staatlichen Konservatorium in Ankara. Mit elf Jahren gewann er bei der Second International Blue Bird Music Competition auf der Krim den Ersten Preis sowie den Jurypreis als „bester Interpret zeitgenössischer Musik“. Es folgten zahlreiche weitere Preise und Auftritte im In- und Ausland. So konzertierte Emre Yavuz mit den führenden türkischen Orchestern wie dem Presidental Symphony Orchestra und dem Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra, sowie den Sinfonieorchestern von Izmir, Bursa, Antalya und Bilkent. Auftritte außerhalb der Türkei führten ihn etwa mit der Philharmonie Bratislava in den Wiener Musikverein sowie 2013 nach Tel Aviv unter Zubin Mehta.

Emre Yavuz wurde vielfach ausgezeichnet, so unter anderem mit dem Chopin-Sonderpreis beim IBLA Grand Prize in Sizilien 2007. Erste Preise erspielte er sich außerdem 2012 beim Internationalen Klavierwettbewerb Rosario Marciano in Wien, 2015 beim Hacettepe Nationalwettbewerb in Ankara und beim Wiener Pianistenwettbewerb 2016. Im Jahre 2017 gründete Emre Yavuz mit Tolga Kulak und Gözde Yasar das Geistesblitz Trio, das den Egirdir Kammermusikwettbewerb gewann.

Seit dem Jahr 2006 studierte Emre Yavuz bei Karl-Heinz Kämmerling an der Hochschule für Musik, Medien und Theater in Hannover und bei Roland Batik an der Konservatorium Wien Privatuniversität. Mit seinen Interpretationen von Werken von Beethoven, Rachmaninov und Saygun in seinem Abschlusskonzert war er der erste Student, der mit der Höchstpunktezahl von allen Jurymitgliedern sein Studium absolvierte. Zusätzlich zu seiner universitären Ausbildung besuchte Yavuz zahlreiche Meisterkurse bei Karl-Heinz Kämmerling und Seymour Lipkin.


Programm

J. S. Bach — Ferrucio BusoniChaconne aus der Partita Nr. 2 d‑Moll Bearbeitung für Klavier
Frédéric Chopin Klaviersonate Nr. 2 b‑Moll op. 35
Sergei W. Rachmaninow Klaviersonate Nr. 2  b‑Moll op. 36