4 | Matinée­­konzert mit Pick­­nick

Matinéekonzert mit Marek Bracha in der Hämelschenburg

Stunde der Romantik – Marek Bracha gibt Einblicke in die Epoche der großen Gefühle

Jedes Jahr im Frühsommer lädt die Chopin Gesellschaft Hannover zu ihrem traditionellen Matinéekonzert mit Picknick ein. Bei schönstem Sommerwetter ging die diesjährige Reise in das idyllische Weserbergland auf die Hämelschenburg, dem imposanten Hauptwerk der Weserrenaissance. Wer mit hohen Erwartungen kam, wurde nicht enttäuscht. Schon vor Beginn des Konzertes füllte sich das endlos scheinende Buffet mit den köstlichsten Gaumenfreuden aller Geschmacksrichtungen. Klapptische und Stühle wurden in der weitläufigen Parkanlage platziert, der prachtvolle Panoramablick konnte bestaunt werden und freudig begrüßte man sich oder vertiefte sich in Gespräche. Ein gelungener Start also für ein bemerkenswertes Konzert des polnischen Pianisten Marek Bracha.

Die zum Konzertsaal umgebaute Scheune des Anwesens bot eine hervorragende Akustik und Platz für zahlreiche Zuhörer. Nach herzlicher Begrüßung durch den Hausherrn und der Präsidentin der Chopin-Gesellschaft führte der junge Pianist das Publikum mit einem sorgfältig durchdachten Programm und viel Hintergrundwissen in die Welt der romantischen Epoche. Ein Blick auf das Programm erstaunte. Im ersten Teil reihten sich kürzere Werke von Chopin aneinander, die übergangslos zu einem großen Klanggemälde geformt wurden. Da folgte der lebhaft-verspielte cis-Moll-Walzer dem träumerischen Nocturne Des-Dur, und nach dem sogenannten Regentropfen-Prélude kam in rasantem Tempo das Fantasie-Impromptu daher. Mit perfekter Fingertechnik und einem großen Gespür für Klangnuancen überzeugte der Künstler. Jedes Detail war ausgefeilt, Phrasierungen, Dynamik und Agogik punktgenau ausgelotet. Bei so viel Klangzauber fielen minimale Störungen der Konzentration kaum ins Gewicht.

Mit den sechs Bagatellen op. 126 von Ludwig van Beethoven, die wunderbar veranschaulichten, in welch entscheidendem Maß Beethoven auf die Romantik wies und in seinen Spätwerken bereits ein Romantiker war, leitete Bracha den zweiten Konzertteil ein. Diese sechs kurzen Werke, die den Spätstil Beethovens repräsentieren und allenfalls in ihrer Form Bagatellen, also Kleinigkeiten, sind, gestaltete der Pianist scharf konturiert und atmosphärisch dicht. Auch hier überzeugte er durch profunde Technik.

Zu den Höhepunkten der Klavierliteratur gehören zweifellos die vier Balladen von Frédéric Chopin. Die zweite Ballade in F-Dur stand auf dem Programm. Das schlichte pastorale Einleitungsthema gestaltete der Künstler würdevoll, klar und mit Anmut. Erst im stürmischen Mollteil wurde der Hörer aus der Verzückung gerissen. Eine glänzende Interpretation, brillant und klanglich ausgewogen.

Die schottische Edward-Ballade, die Johann Gottfried Herder in seiner Sammlung Stimmen der Völker bekannt gemacht hat, diente Johannes Brahms als literarische Vorlage für seine 1854 komponierte Ballade op. 10, Nr. 1. Es ist ein kurzes Werk mit innerer Dramatik, spannungsgeladen und ergreifend. Auch hier konnte der Pianist durch sein reifes, sehr differenziertes und transparentes Spiel die Zuhörer in den Bann ziehen.

Der norwegische Komponist Thomas D.A. Tellefsen mag nicht so geläufig sein, aber es hat sich gelohnt, seine c-Moll Ballade op. 28 kennen zu lernen. Sie bildete den Abschluss der Matinée.

Der langanhaltende Beifall mit Bravorufen entlockte eine Zugabe. Marek Bracha spielte nochmals die Brahms-Ballade. Jetzt mit dem Wissen des Publikums um die Textvorlage, die der Künstler eindrucksvoll erläuterte. So konnte die Musik visualisiert werden und die vollgriffigen Akkorde und die Zerrissenheit der Triolenbewegung bekamen ein ganz anderes Gewicht.

Okka Mallek
Hannover, 12.06.2022


Der Künstler

Marek Bracha

Marek Bracha ist ein junger Pianist, der seine musikalische Ausbildung an der Warschauer Chopin Universität für Musik bei Alicja Paleta-Bugaj und dem Royal College of Music in London bei Kevin Kenner und Vanessa Latarche, sowie Geoffrey Govier 2012 mit Auszeichnung abschloss.

Er konzertiert mit einem sehr vielfältigen Klavierrepertoire auf modernen, aber auch historischen Instrumenten. Auch ist er ein  gefragter Dozent an polnischen Musikakademien für Vorlesungen für historische Aufführungspraxis.

Mit Werken Neuer Musik erweitert der Nachwuchspianist sein Repertoire. Insbesondere widmet er sich der Musik von zeitgenössischen polnischen Komponisten. So brachte er zahlreiche Werke zur Uraufführungen von Komponisten wie I. Zalewski, D. Przybylski und J. Bruzdowicz. Ihm ist es ein Anliegen, polnische Musik auch im Ausland einen höheren Bekanntheitsgrad zu verschaffen und reiste hierfür schon in viele Länder in Asien, Nord- und Südamerika sowie zahlreichen europäischen Staaten.

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Programm

Frédéric ChopinWalzer Nr. 2 As-Dur op. 34 Nr. 1
Mazurka Nr. 14 As-Dur op. 17 Nr. 3
Mazurka Nr. 4 cis-Moll op. 6 Nr. 2
Nocturne Nr. 8 Des-Dur op. 27 Nr. 2
Walzer Nr. 7 cis-Moll op. 64 Nr. 2
Walzer Nr. 6 Des-Dur op. 64 Nr. 1
Prélude Nr. 15 Des-Dur op. 28 Nr. 15
Fantasie-Impromptu cis-Moll op. 66
Ludwig van BeethovenBagatellen op. 126
Frédéric ChopinBallade Nr. 2 F-Dur op. 38
Johannes BrahmsBallade Nr. 1 d-Moll op. 10 Nr. 1
Thomas D. A. TellefsenBallade c-Moll op. 28

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